JUST A DIARY Katharina Middendorf’s Blog

17. November 2010

Wunder geschehen, Teil 1

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Wunder passieren gar nicht so selten. Eigentlich kommen sie wunderbar oft vor, nur dass man sie verwunderlicherweise als selbstverständlich hinnimmt:
Zum Beispiel, dass Luke überhaupt zu uns gekommen ist: Mitten im Januar, dem dunkelsten Monat. In einer Wohnung direkt an der Greifswalderstraße, der Autobahn vom Prenzlauerberg. Nur 6 Monate nach Leas Geburt, während ich noch stillte. In einer Zeit, in der wir nicht wussten warum wir da waren wo wir waren, ob wir dort bleiben würden und wo es denn sonst hingehen könnte. An diesem Tiefpunkt wurde ich schwanger. Ein bisschen bekloppt – und: ein Wunder. Das weiß ich aber erst seit der Zeit mit Luke auf der Intensivstation, wo ich jede Sekunde auf ein Wunder gewartet habe, das scheinbar nicht eintreffen wollte. Jetzt sehe ich, dass ich nicht vergeblich auf ein Wunder gewartet habe, sondern dass das eigentliche Wunder ja bloß schon geschehen war.

Und meine neue spirituelle Lehrerin Nena gibt mir da schon seit den 80ern recht:

lalala… Wunder geschehen
ich hab`s gesehen
es gibt so vieles was wir nicht verstehen
Wunder geschehen
ich war dabei
wir dürfen nicht nur 
alles glauben was wir sehen

lalala…

15. November 2010

Abgeharkt: Die To-do-Liste.

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„Wozu habe ich eigentlich meinen alten Job an den Nagel gehängt, um Yogi zu werden, wenn ich schon wieder vor To-Do-Listen hocke? Im Ashram haben die schliesslich auch keine, oder?“ „Ne, da haben sie jede Menge Personal…“ Diese Antwort bessert meine Laune nicht gerade und ich kritzele 2.2.2.2. Flyer drucken auf das Clipboard. „Na, wenigstens kann ich hier im Yogasitz mit Yogitee auf dem Sofa sitzen, statt buckelig am Schreibtisch mit Kaffee in der Hand …“ Genervt von diesem schwachen Trost donnere ich 2.2.2.3 Flyer verteilen aufs Papier. Bei 3.3.4.1 Gewerbe ummelden raste ich innerlich fast aus und Julian schlägt vor, dass wir einfach mal eine Pause machen und entspannen. Lieb gemeint, macht mich aber noch wütender… Doch da mir nichts besseres einfällt, außer 3.3.4.2 Rentenversicherung anrufen lasse ich mich auf seinen Vorschlag ein, ergänze mit 4.1 Einfach nur sein mürrisch meinen vorerst letzten Punkt auf der Höllenliste und denke ernsthaft über die Einführung von To-Be-Listen nach…

12. November 2010

Eine Frage der Zeit, II.

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Im Moment fühlt es sich so an, als liefe mein Leben in Slow Motion. Ich scheine sogar beim Gehen zu Stehen. Oft dauert es einen ganzen Tag, bis ich einen Gedanken, den ich morgens angefangen hatte, zuende gedacht habe. Heute: „Warum trage ich eigentlich keine Uhr?“ Jetzt ist gerade abends – die Zeit also reif für eine Antwort: Wahrscheinlich weil die reguläre Welt-Zeit für mich keine Rolle mehr spielt. Denn dann müsste ich ja die ganze Zeit traurig sein, weil Luke schon weg ist. Folge ich meinem eigenen Zeitempfinden, haben wir ein ganzes Leben und noch mehr zusammenverbracht. Und das fühlt sich viel schöner an …

11. November 2010

5 Sterne für, äh von Lea.

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Lea´s Lieblingsrestaurant heisst „Alnatura Supermarkt“.
Wie ein Gourmettester sitzt sie im Einkaufswagen und weist mir gebieterisch den Weg. Und der geht so: Am Probierstand der Käsetheke verputzt sie ca. 200g Käsewürfel, um dann mit vollem Mund lauthals auf Probierstand Nummer 2 zu zeigen, wo sie sich Brot mit Erdnussbutter reinschaufelt. In Nullkommanix ist die Probierglocke leer und Lea sucht nach Probierstand Nummer 3, den wir dann beim Obst und Gemüse finden. Ananas findet sie glücklicherweise doof, was mir eine Verschnaufpause vor den kritisch-guckenden Alnatura Verkäuferinnen verschafft. Als wir kurz darauf durch die Süßigkeiten Abteilung rollen, rudert Lea schon von weitem auf Probierstand Nummer 4 zu: den Schokowaffelblättern. Weil es aber am Stand zieht, packt Lea kurzerhand 2 Waffeln in die linke und 4 in die rechte Hand und zeigt zum Ausgang. Jawoll! An der Kasse fragt mich die Verkäuferin: „Haben sie abgewogen?“ Kurz denke ich geschockt, dass Lea gemeint ist … bis die Verkäuferin auf die Zucchini zeigt. Puh!

9. November 2010

don camillo und peppone

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Gestern, als Julian und ich Bilder von Luke angeschaut haben, meinte Julian: „Irgendwie sah der Kleine aus wie ein alter Mönch … oder ein italienischer Mafioso …“ Und dann denke ich an Don Camillo und Peppone und finde, dass das ja auch gar nicht so weit auseinanderliegt…

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7. November 2010

Eine Frage der Zeit.

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Im Moment fühlt es sich so an, als liefe mein Leben in doppelter Geschwindigkeit. Vorgestern war ich mit Luke schwanger, gestern war ich mit ihm im Wochenbett und heute ist er weg… Das Leben läuft so brutalschnell, dass selbst der sonst ach so fixe Kopf nicht hinterher kommt. So nehme ich z.B. am S-Bahnhof automatisch den Fahrstuhl, was sich irgendwie vertraut aber komisch anfühlt. Erst in der S-Bahn, wenn mir niemand einen Sitzplatz anbietet, wird mir klar, dass ich ja weder ein Baby in meinem Bauch noch vor meinem Bauch trage… Doch der „Ach ja – Effekt“ hält nicht lange – denn wenn ich Lichterfelde West aussteige nehme ich beinahe wieder den Fahrstuhl …

Der Yoga Rowdy

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Eigentlich ist für die 1,5jährige Lea der Yoga-Raum ja tabu. Aber im Moment ist wegen Lukes Tod alles anders und daher irgendwie auch alles erlaubt …

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3. November 2010

100% unerheblich.

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1 von 1000 Kindern wird mit einem Herzfehler geboren. Davon hat eins den Herzfehler den Luke hatte. Und von diesen Kindern sterben ca. 5%-10%. Damit ist Luke rechnerisch kaum mehr erfassbar. Und doch habe ich mich während der Zeit auf der Intensiv-Station oft versucht an Zahlen festzuhalten: Wie hoch ist der Mittelwert vom Puls? Wieviel Milliliter Urin scheidet er stündlich aus? Wieviel Stickstoff ist in seinem Atmungsgemisch? Auf wieviel Prozent läuft die Herz-Lungen-Maschine? ——–
Bis ich irgendwann den Oberarzt fragte, wie hoch denn Lukes Überlebenschancen sind. „Wenn ich Ihnen jetzt sage 60:40 und Sie sind dann bei den 40 ist das für Sie doch 100% scheiße.“ Das war die liebevolle Ohrfeige, die man manchmal braucht, wenn man versucht, das Leben berechnen zu wollen. Danke Dr. Hambsch.

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2. November 2010

just.a.wholelife

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Als mich der Pfarrer, der Luke getauft hatte, nach Lukes Tod anrief sagte er: „Auch wenn Ihr Sohn ein kurzes Leben hatte, so war es doch ein ganzes Leben. Er ist vollständig gekommen, war vollständig da und ist vollständig gegangen.“

Und das stimmt.

Und es stimmt auch, dass Luke in seinem kurzen, aber vollständigen Leben Menschen zusammengebracht hat. So standen wir bei Lukes Taufe in stillem Einvernehmen an seinem Intensivstation-Bettchen und blickten lächelnd auf die Buddhastatue, die sich an die Heilige Maria lehnte über der ein Holzengel baumelte… Und als der Pfarrer Amen sagte, summten wir Om, und der Friede war mit uns allen. Shanti.

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