In den letzten 5 Jahren (Stand 2023) hat sich der Anteil der Yoga-Praktizierenden vervierfacht. Der Berufsverband der Yogalehrenden in Deutschland (BDY) konnte in einer Studie zeigen, dass die Männer mit 17 Prozent die Frauen mit 22 Prozent fast eingeholt haben. Diese Ergebnisse haben uns ein wenig überrascht, denn in der nivata Yogaschule Zehlendorf sind Männer bisher kaum vertreten. Und so dachten wir uns, wenn wir mehr männliche Yogalehrer in der Schule hätten, würden vielleicht auch mehr Männer angesprochen. Und so sind wir auf Timo gestoßen, den wir schon seit vielen Jahren als Yogalehrer aus dem CLAYS Fitnessstudio kennen und auf einigen Yogaausbildungen, z.B. bei Ana Forrest, getroffen haben. Was für ein Glück, dass Timo direkt neben dem Fischtal wohnt und große Lust hatte, unser Team zu erweitern…
Wir: Wie kommt ein Leistungssportler mit dem Motto „höher, schneller, weiter“ zum Yoga?
Timo: Nach 20 Jahren Extremsport hatte ich irgendwann so viele Verletzungen und Energieblockaden, dass mir Körper und Seele deutliche Zeichen gaben, dass es so nicht weitergehen konnte! Ich war weniger beweglich, fühlte mich älter, Verletzungen heilten nicht mehr so schnell wie früher, der „Affe im Kopf“ kam überhaupt nicht mehr zur Ruhe und die Ärzte konnten mir nicht helfen, sondern gaben mir krasse Fehldiagnosen und nur Schmerztabletten, mit denen ich dann Wettkämpfe in der ganzen Welt bestritt. Als selbst Kortisonspritzen nicht mehr halfen, habe ich zum Glück alternative Heilmethoden ausprobiert. Ich liebe meinen Sport und meinen Job und war bereit, alles zu tun, um wieder fit zu werden... das hat mich mit Mitte 20 auch zum Yoga gebracht! Zuerst hatte ich natürlich die klassischen Vorurteile, dass es mir zu soft ist, dass ich mich nicht auspowern und an meine Grenzen gehen kann - von wegen! Es ist das beste und ganzheitlichste Training, das ich mir vorstellen kann. Yoga hat mir sehr geholfen, meinen Körper nach all den Verletzungen wieder ganzheitlich aufzubauen und die Energieblockaden zu lösen. Wer die Kraft der bewussten Atmung entdeckt, kann Berge nicht nur bezwingen, sondern sogar versetzen.
Wir: Warum sind deiner Meinung nach mehr Frauen als Männer in Yogastudios oder erlebst du das anders?
Timo: Als junger Mensch mit 20 Jahren zog es mich auch eher ins Fitnessstudio zum normalen Krafttraining und ich hatte, wie gesagt, genau die typischen Vorurteile. Einen Satz habe ich mal gehört: Männer fangen mit Yoga an, weil die Freundin sie dazu drängt oder weil sie Schmerzen haben oder weil sie dort jemanden kennenlernen wollen. Es gibt mehr Leute, die etwas Tiefgründiges suchen, und es gibt bessere Yogaklassen! Ich muss auch sagen, dass es viele Yogastile gibt, die für Anfänger nicht geeignet sind. Ich hatte zum Beispiel noch nicht die richtige Yoga-Technik, war Level minus 3 und wollte aber gleich mit meinem sportlichen Wettkampfgeist im Level 3 mitmachen. Wo ich dann im Kopfstand als Aufwärmübung bei einer strengen Yogalehrerin gelandet bin, aber nicht die Skills hatte und mit meiner Schulterverletzung und sehr vielen Gehirnerschütterungen erst mal die Wirbel blockiert habe.
Wir: Hast du dich am Anfang beim Yoga „geschämt", wenn andere super flexibel waren und du vielleicht mit Verkürzungen zu kämpfen hattest?
Timo: Ja, ich bin ein bisschen mit meinem Kämpfergeist auf die Yogamatte gegangen, aber ich habe schnell aus meinen Fehlern gelernt! Ich merkte, wie verkürzt ich war, und wusste, dass ich etwas dagegen tun musste! In Thailand, an einem Strand, wo sich viele Bodyworker und Yogis treffen, habe ich an verschiedenen Workshops teilgenommen und coole „esoterische“ Leute kennengelernt, so dass mich das „spirituelle Yoga-Zeug" nicht mehr abschreckte.
Wir: Was ist aus deiner Sicht ein wichtiger Unterschied zwischen Yoga und Sport und wo gibt es Gemeinsamkeiten?
Timo: Ich versuche genau das in meinen Yogastunden zu verbinden, dass es auch ein spaßiges Workout sein kann, wo man aber am Ende der Stunde wirklich loslassen kann und geerdet nach Hause geht. Das war es, was mich so gecatcht hat! Ich dachte, nur wenn ich mein Leben auf dem Bike riskiere, kann ich glücklich und im Moment und in Frieden sein, mit einem großen Adrenalinkick! Die Gemeinschaft im Sport, gemeinsam etwas erleben und besondere Momente schaffen, das sind Gemeinsamkeiten. Schon als Kind spielerisch lernen, mit schwierigen Situationen umzugehen. Auch aus Niederlagen und Verletzungen habe ich viel gelernt. Aber auch, dass man, wenn man etwas liebt und viele Jahre aus Leidenschaft trainiert - Weltmeister werden kann.
Wir: Hast du eine Idee, was Männer motivieren könnte, Yoga zu machen?
Timo: Die Erfahrung zu machen, zu spüren, wie wertvoll und heilsam es ist, eine gute Yogastunde zu haben! Es ist doch so verrückt, dass so viele Menschen in Hetze sind, Geld anlegen, für den Traum arbeiten, aber nicht sehen wollen, wie wichtig es ist, Zeit für sich selbst zu haben, um wieder mehr im Gleichgewicht zu sein. Yoga und Atemübungen und Meditation ... das ist doch eine Investition in sich selbst, die so wertvoll und heilsam ist.
Wir: Du unterrichtest „Power Hatha Yoga“ - wie würdest du das z.B. deiner Tochter erklären?
Timo: Eine spaßige, anstrengende Yogastunde mit ein paar Tiersounds zwischendurch, bei der man am Ende richtig loslassen kann und happy herauskommt.Und wenn sich Leute vom Power-Yoga abgeschreckt fühlen, würde ich noch hinzufügen, dass man nicht drumherum kommt, auch ein paar Kraftübungen zu machen: Denn etwa ab dem 30. Lebensjahr beginnt der Abbau der körpereigenen Muskelmasse. Ab dann gilt die Faustregel „Fünf Prozent alle zehn Jahre“ - zumindest wenn man nichts dagegen tut. (Sarkopenie) Und in meiner Yogapraxis hat man beides: Anstrengung und Kraftaufbau und eine tiefe Relaxation, es geht ja auch um die Balance.
Wir: Welche Yogastellung darf für dich in deiner eigenen Praxis nicht fehlen und warum?
Timo: Atem und Core Work und Cobra over a Roll. Ich spüre, wie viel mir das bringt, wieder mehr im Körper zu sein und den Tag und Stress loszulassen.
Wir: Glaubst du, dass man aus den falschen Gründen zum Yoga kommen kann?
Timo: Ja, ich habe schon Männer erlebt, die ihre Rolle als Lehrer ausgenutzt haben.
Wenn jemand mit Yoga anfängt, weil er bestimmte körperliche Ziele verfolgt und zunächst wenig Interesse an den tieferen Aspekten des Yoga hat, aber dann nach den ersten Stunden merkt, wie viele positive Nebeneffekte Yoga für Körper und Geist mit sich bringt und schließlich anfängt, sich auch mit den größeren Fragen des Lebens auseinanderzusetzen – das ist doch großartig!
Wir: Ist Yoga für dich im Laufe der Zeit wichtiger geworden und wenn ja, warum?
Timo: Ja, ich hatte eine Phase in meinem Leben, in der es an allen Ecken und Enden gekracht hat. Hätte ich da nicht meine Yoga-Toolbox gehabt, wäre ich krank geworden. Ich bin mit Anfang 20 zwei Jahre lang mit Kortisonspritzen und Schmerzmitteln durch die Wettkämpfe gegangen... das war eine harte Erfahrung, die mich dann zum Yoga geführt hat. Also ja, Yoga war hier sehr, sehr wichtig. :)
Wir: Man hört, dass Yoga der Anfang von Veränderungen im Leben sein kann, z.B. Essgewohnheiten, Medienkonsum etc. Teilst du diese Meinung und hast du das persönlich schon erlebt?
Timo: Ja, oder anders ausgedrückt: „Turn shit into fertilizer“, aus Scheiße Dünger machen. Das Leben hat seine Höhen und Tiefen - das gehört dazu. Ich habe viel daraus gelernt, als mein Körper mir immer mehr Zeichen gab (die ich viel zu lange ignoriert habe), dass es so nicht weitergehen kann. Was ich auch spüre ist, dass ich durch das Yoga, die Fortbildungen und die Arbeit an mir selbst sensibler geworden bin und so im Alltag mich schneller erwische, wenn ich nicht auf mich achte und abdrifte.
Wir: Gibt es etwas, das dich am Yoga-Business oder an der Yoga-Community stört oder was du bedenklich findest?
Timo: Es ist nicht alles OM Shanti beim Yoga. Es sind auch nur Menschen. Aber es tut mehr weh, wenn man von Menschen, die man auf ein Podium stellt oder deren Bücher man liest, schlecht behandelt wird und es dann mehr weh tut, wenn sie Seiten haben, die nicht schön sind. Es fühlt sich sehr falsch an, wenn jemand als Lehrer von Liebe spricht, diese aber nicht ausstrahlt. Meine Lehrerin Anna Forrest zum Beispiel war manchmal sehr hart zu sich selbst und zu anderen, hat einem nach einer dreistündigen Klasse 3 Minuten Shavasana gegönnt oder einmal zu mir gesagt: Get out of Childs pose! 9 months is enough! ....( Spitzname Yoga-Kriegerin) Ich wusste, dass ich viel von ihr lernen konnte, aber ich musste auch sehen: Okay, mich selbst schlecht zu behandeln und ständig über meine Grenzen zu gehen, das kenne ich schon von meinem Extremsport, das muss ich nicht von ihr lernen. Jetzt ist sie sanfter geworden.
Wir: In deinen Stunden beziehst du auch die Stimme mit ein. Gibt es dafür bestimmte Gründe?
Timo: Ich war zweimal im Tao Garden bei Mantak Chia in Chang Mai/ Thailand. Dort bin ich zum ersten Mal mit Qigong und anderen Tao-Übungen und Klang in Berührung gekommen, was mich sehr beeindruckt hat. Ich spüre, wie schnell mein Körper auf die Klänge reagiert. Das merke ich auch in der Klasse bei den Yogis. Nach dem ersten Ohm sind alle innerhalb von Sekunden mehr bei sich. Löwen, Summen, Seufzen - alles kommt mehr in Fluss und wir sind raus aus dem Fight-or-Flight! Ich weiß von mir selbst, wie schnell ich als Adrenalin-Junkie in diesen Zustand komme... Außerdem habe ich nie gelernt, meine Stimme richtig einzusetzen, weil ich als Kind mal ausgelacht wurde, als ich gesungen habe. Im Teacher Training hat Ana mich auch wie einen Wolf vor der Klasse singen lassen, damit mein „Panzer“ aufbricht...
Wir: In der Biker-Community bist du u.a. durch deine Weltrekorde bekannt. Konntest du dadurch in der Szene etwas bewegen, was dir wichtig ist?
Timo: Ich selbst habe den Sprung vom Neuköllner Spielplatz in die weite Welt geschafft, dank meines Fahrrads und dem Finger von ET! (1984 war der BMX-Boom durch den Film ET) Ich habe damals viel „Fanpost„ bekommen und von vielen gehört, dass sie durch mich angefangen haben, in der Natur zu biken oder mit Kumpels Dreckhügel - Dirt Jumps - gebaut haben und durch das Bike viel gesehen haben. „Damals habe ich deine Artikel in der Mickey Mouse gesehen und dann habe ich angefangen." Es ist lustig, wenn dir ein 30-Jähriger so etwas schreibt und sich bedankt. Aber auch viele Biker sagen, dass sie durch mich zum ersten Mal mit Yoga in Berührung gekommen sind, weil ich schon vor 12 Jahren in der coolsten MTB-Zeitschrift, Dirt UK, mit einer 6-seitige Yoga-Story vertreten war. Bei einem Yogaforbikers Workshop, den ich in Italien / Udine gegeben habe, kam ein Kolumbianer 4 Stunden mit dem Bus angereist. Er besuchte zufällig seine Familie in Italien und erzählte mir, dass er in Kolumbien meine DVD Parts bewundert hatte und wegen mir mit Yoga angefangen hatte.
Wir: Was würde deiner Meinung nach den Menschen helfen, zufriedener zu sein?
Timo: Mehr Natur, Yoga und bewusster Atem – Auszeiten vom digitalen Überfluss. Achtsam sein mit dem, was wir aufnehmen, sowohl innerlich als auch äußerlich…
Vielen lieben Dank Timo für das persönliche und erfrischende Interview. Wenn du dir ganzheitliche Kraft und Balance wünschst, findest du Timo immer dienstags von 18-19:15 Uhr auf der Matte im nivata Studio Zehlendorf!
